Anfang August versammelten sich Studierende von 12 Kunsthochschulen in Hohenlockstedt, um sich im Rahmen einer Summer School mit Fragen nach den inhaltlichen und räumlichen Bedingungen für gutes Lernen zu beschäftigen. Eine teilnehmende Beobachtung
1. Be annoyed by the red flags of your art school?
2. Realize that these red flags are common.
3. Have a wonderful cute organizing team that invites wonderful cute participants to share a house and hopes for a week.
4. Come together. *
Sechs Organisator*innen und 19 Gäst*innen aus ganz Deutschland und Österreich kamen Anfang August für eine Woche in der Arthur Boskamp-Stiftung zusammen, um sich weit weg von ihren jeweiligen Kunsthochschulen um eine Picknickdecke zu versammeln, die im Vorfeld mit off enen Fragen bedruckt worden war. Was möchtest du lernen? Wer vermitt elt Wissen? Welche Rahmenbedingungen sind nötig, um eine wertschätzende und unterstützende Arbeitsatmosphäre zu schaffen? Wie funktioniert eine gerechte und transparente Entscheidungsfindung in Institutionen?
Es sollte ein Raum entstehen, um sich darüber auszutauschen, welche Strukturen den Studierenden das Lernen schwer machen und wie schön es sein könnte, wenn alles ein bisschen anders wäre. Dazu erhielten die Teilnehmenden einen off en gebundenen Reader, der von den Teilnehmenden selbstständig ergänzt werden konnte. Neben theoretischen Texten zu Feminismus, Antidiskriminierungsarbeit, Crip- und Queer Time enthielt diesesHeft auch prakti sche Informati onen, zum Beispiel zu
den Themen BAföG, das Bachelor/Master-System und Armut unter Studierenden.
8. Consent on a code of conduct.
9. Set a structure for the summer school week.
10. Break the structure.
Es geht um strukturelle Ungerechtigkeiten und Ausschlussmechanismen an den Kunsthochschulen – die mangelnde Diversität durch eingeschränkte Zugänglichkeit spiegelte sich auch in der Heterogenität der Gruppe wieder. Die Organisator*innen wünschen sich mehr
Sensibilität für Diskriminierung und mehr Privilegienbewusstsein an den Institutionen und wollten mit der Summer School aktiv ausprobieren, wie Lernen anders möglich ist. Umso wichti ger war das Erarbeiten einer Struktur für die Summer School, in der sich alle Teilnehmenden wohlfühlen. Gleich zu Anfang wurde ein Code of Conduct verhandelt: Darin wurden Achtsamkeit, bewusste Sprache,
die eigenen Bedürfnisse und die der anderen festgehalten. Ebenso Themen, die im Laufe der Woche immer wieder auftauchten und teils neu verhandelt werden mussten waren: Wie kann man Menschen mitdenken, die nicht anwesend sind, die aus unterschiedlichen Gründen nicht teilnehmen (können) – ohne für sie zu sprechen und sie zu bevormunden?
11. Realise who is missing.
12. Be frustr ated about it.
13. Ask yourself how you contribute to (un)safer spaces.
Warum gibt es im Stu dium eigentlich keine Antidiskriminierungs-Workshops? Zusätzlich zu den Texten im offenen Reader stand Input von verschiedenen Künstler*innen und Aktivist*innen auf dem Programm. Ren Loren Britt on stellte den Access Rider vor: Ein Tool, eine Art individueller Leitfaden, das es ermöglicht, eigene Bedürfnisse differenziert und klar zu kommunizieren. Diese Methode aus dem disability rights movement kann ein breites Verständnis von Zugänglichkeit produzieren. So wird nicht nur über physische Hindernisse nachgedacht, sondern off en über Dinge wie fi nanzielle Hürden, Namen und Pronomen, Sprache und Kommunikation und die unterschiedlichen Barrieren bei Online- und Präsenzformaten gesprochen. Rowan de Freitas’ künstlerische Arbeit bot Input zum Thema Zeitlichkeit im kollektiven Arbeiten und regte dazu an, Zeit zu schaffen für Konflikte und Frustration, für Ruhe und Zurückgezogenheit und für kollektive Fürsorge. Außerdem konnten die Teilnehmenden eigene Erfahrungen austauschen und gemeinsam reflektieren: Wie und warum bin ich zur Summer School gekommen? Welche Erfahrungen haben mich geprägt? Von wem habe ich gelernt – und welche Art von Wissen ist an meiner Hochschule nicht vertreten?
18. Be inspired by workshops.
19. Choose not to parti cipate.
20. Just dance collecti vely.
21. Moving the body helps moving the mind.
Als Ausgleich und Ergänzung zum theoretischen Input leitete Roni Katz einen Performance-Workshop an, der die Teilnehmenden dabei unterstützen sollte sich auch auf ihre Körper, auf Bewegung und auf ihre sensorische Wahrnehmung zu besinnen. Teil des Workshops war eine Performance-Übung: Die Teilnehmenden führten spontan einen Dialog, der nur aus Fragen bestand und fanden so weitere,
neue Themen und Blickwinkel. Das Nicht-Beantworten der Fragen ermöglichte einen offenen Prozess der Wissensproduktion, der nicht direkt Antworten forderte. Die unterschiedlichen Workshops machten es möglich, alternative Lernorte zu imaginieren und direkt in die Tat umzusetzen. Dazu gehörten auch tägliche, offene Treffen, bei denen die Teilnehmenden die Tagesplanung und ihre Inhalte nach ihren Bedürfnissen und Interessen anpassen konnten. Auch die Care-Arbeit – Kochen, Putzen – wurde selbstverständlich unter allen Anwesenden aufgeteilt.
25. Take a break.
26. Learn boxing.
27. Sexy is the new sorry.
Während der Summer School war die Ambivalenz des Utopie-Begriffs allgegenwärtig und immer wieder stellten sich die Fragen: Welche Menschen haben die Möglichkeit teilzunehmen? Wer ist von vornherein ausgeschlossen? Welche Perspektiven werden innerhalb des
Systems nicht gehört und gesehen? Wer ist bei der Summer School anwesend und für wen konnte keine Zugänglichkeit ermöglicht werden? Wer wird mitgedacht? Welche Positionen bleiben unsichtbar? In Hohenlockstedt stellten sich die Teilnehmenden alternative Zukünfte vor und sprachen darüber, wie diese möglich gemacht werden könnten. Sie nutzten Imagination als Tool, um die eigenen Möglichkeitsrahmen abzustecken und suchten gezielt Ansatzpunkte für kleinere oder größere Veränderungen. Dazu gehörte es auch, einen neuen, offenen Kanon zu entwickeln, in dem unterschiedliche Perspektiven zu Wort kommen. Nicht zuletzt stand eine selbstkritische Reflexion im Mittelpunkt: Kritik und Anregungen sollen als Bereicherung aufgenommen werden: Auch die Utopie ist eben ein Prozess.
30. Invite others to join.
31. Access is a never ending process.
Als sich die Woche an der Summer School dem Ende neigte, öffnete sich die Runde für weitere Gäst*innen: Samstagabend fand der Harvest, ein Austauschformat für alle Interessierten statt. Da das Wetter das gemeinsame Essen nach drinnen zwang, hing die Picknickdecke wie eine fliederfarbene Wolke über den Teilnehmenden und ihren Gäst*innen. Analog zu den Fragen, die die Picknickdecke in den Raum gestellt hatte, fanden sich auf der Tischdecke kleine und große Wünsche für die Zukunft. Auf der langen Tafel standen Kerzen und Blumen und von der Decke hingen kleine Objekte aus selbstgebackenem Brot und Zettel die zum Nachdenken anregen sollten. Noch einmal wurde die Performance, die ein Dialog aus Fragen war, ausprobiert und in den Gesprächen am Tisch fanden sich neue Verbindungen.
Den Abend begleitete ein feierliches Gemeinschaft sgefühl, in dem der bevorstehende Abschiedsschmerz schon ein wenig zu spüren war: Einige Teilnehmer*innen wären wohl lieber in der temporären Utopie der Summer School geblieben, anstatt sich auf den Weg zurück in
ihre Institutionen zu machen. Denn Ziel und Inhalt der Summer School war keine ausufernde Kriti k an den Institutionen, sondern vielmehr ein positiver, gelebter Gegenvorschlag. Die Teilnehmenden wissen welche Anstrengung und Einsatz nötig sind, um an den Hochschulen Zugänglichkeit zu erleichtern und unterschiedliche Hintergründe verstärkt als Bereicherung zu begreifen. Mehr Auseinandersetzung mit Privilegien wird nötig sein, um Zeit und Raum für unterschiedliche Bedürfnisse zu schaffen.
32. Celebrate fi rst steps.
33. Th is is just a beginning.
Aber nach der Summer School ist vor der New School. Während die Teilnehmenden ihre Erfahrungen und Gedanken zurück in die Hochschulen tragen, sprechen die Organisator*innen schon über Dokumentation, neue Veranstaltungen und andere Formate. Ein altbekanntes Problem steht im Raum: Ohne das grenzenlose Engagement und die vielen Tage und Wochen unbezahlter Arbeit ist eine solche Veranstaltung einfach nicht möglich. Um an den Kunsthochschulen mehr Zugänglichkeit, Diversität und bessere Lernbedingungen zu fordern, sind die Veranstaltenden außerdem an Fördermittel gebunden – und somit an genau die Strukturen, die sie kritisieren.
* Die in diesem Artikel zitierte Aufzählung stammt aus dem Artikel “How to Summer School” von den Teilnehmerinnen Nele Schulze und Elena Grimbs.
Vom 7. – 13. August 2023 versammelten sich 25 Studierende von 12 unterschiedlichen Kunsthochschulen in Hohenlockstedt für A New School, A Summer School unter dem Th ema “(Re)Imagining Learning Environments – Was braucht Lernen und in welchen Räumen
kann Lernen statt finden?” Entstanden aus den studentischen Kollektiven In the Meantime (HFBK Hamburg) und Eine Krise bekommen (UdK Berlin) drehte sich die selbstorganisierte Summer School um alternative Lernräume und bot einen off enen Rahmen zum Experimentieren, um Fehler zu machen und andere Zukünfte zu imaginieren.
Organisiert von: Destina Atasayar, Katharina Brenner, Lu Herbst, Lucie Jo Knilli, Charlotte Perka und Lioba Wachtel.
Unterstützung und Austausch sind sehr willkommen: hello@newschool-summerschool.org
Lea Kirstein hat 2018 den Bachelor-Abschluss in der Klasse Social Design an der HFBK Hamburg, 2021 den Master-Abschluss an der HAW Hamburg absolviert. Sie ist Grafik-, Textil- und Social Designer*in und arbeitet im Bereich Textilrecycling.